Quo vadis Adipositastherapie?

Mit der Einführung des neuen Antiadipositum Mysimba zum 01.03.18 in Deutschland, hat die Adipostiastherapie einen neuen und  – unserer Meinung nach – gefährlichen Weg beschritten.
Schon seit geraumer Zeit wird von Seiten der Pharmaindustrie die z.Z. klassiche Adipositastherapie (Ernährungs-, Verhaltens- und Bewegungstherapie) mit Adjektiven wie ineffektiv, schwierig, langwierig und wirkungslos umschrieben. Dadurch wird ein subtiler Druck auf die Ärzteschaft ausgeübt, die herkömmliche Therapie durch „effektive und wirksame“ Medikamente zu erweitern, um schnellere Erfolge in der Adipositastherapie zu erzielen. Sollte die medikamentöse Begleittherapie bei Adipösen auch nicht greifen, bleibt als ultima ratio noch die bariatrische Chirugie – und die hilft immer.

Kombination aus Antidepressivum und Antisuchtmittel

Das neue Medikament ist eine Kombination aus einem Antidepressivum (Bupropion) und einem Antisuchtmittel (Naltrexon), das ursprünglich in der Therapie von Alkohol- und Opiatabhängigen eingesetzt wurde. Weil beide Substanzen zufällig auch eine appetithemmende Wirkung aufweisen, hat man diese beiden Wirkstoffe kombiniert, um den appetithemmenden Effekt zu verstärken.
Mit der Einführung von hochwirksamen Psychopharmaka in der Adipositastherapie entfernt man sich somit sukzessive weiter von der konservativen Basistherapie (Reduktionskost bzw. Ernährungsumstellung, Verhaltensmodifikation und körperliche Aktivität).
Auch wenn ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass Mysimba nur als unterstützendes Therapeutikum zur eigentlichen konservativen Adipositastherapie eingesetzt werden soll, so stellt sich grundsätzlich die Frage, was haben hoch wirksame Psychopharmka in der Adipositastherapie verloren?

Indikation ab einem BMI von >27

Mysimba wurde als begleitendes Medikament in der Adipostitastherapie bei folgenden Indikationen zugelassen:
– BMI > 30 kg/m² oder
– BMI > 27 kg/m² mit Vorliegen adipositasassoziierter Gesundheitsstörungen (Hypertonie, Diabetes mellitus, HLP)
Die Behandlung von Übergewicht mit hoch wirksamen Psychopharmaka kann niemals im Sinne des Patienten sein.

Signifikante Gewichtsreduktion mit zahlreichen Nebenwirkungen

In vier randomisierten Placebo-kontrollierten doppel verblindeten Studien konnte an einer Gesamtprobandenzahl von 4536 ein statisch signifikanter Gewichtsverlust nachgewiesen werden. In der Studiendauer von 28-56 Wochen verloren die adipösen Patienten unter Mysimbabegleittherapie im Durchschnitt 3 bis 5 kg mehr an Gewicht als die placebokontrollierten Gruppen, deren Gewichtsverlust nur auf Ernährungs-, Verhaltens- und Bewegungstherapie zurückzuführen war.
Allerdings muss grundsätzlich hinterfragt werden, ob dieser relativ geringe Gewichtsverlust im Verhältnis zu den zahlreichen Nebenwirkungen steht, die Mysimba mit sich bringt. Eine Übersicht über die häufigen und eher seltenen NW zeigt die nebenstehende Tabelle.

Adipositas ist keine Störung des Hunger- und Sättigungszentrums

Der therapeutische Ansatz dieser neuen Antiadiposita, das Hunger- und Sättigungszentrum so zu beeinflussen, dass ein reduziertes Hungergefühl entsteht, lenkt von den eigentlichen Ursachen des Übergewichts und der Fettsucht ab. Adipositas ist keine primäre Störung des Hunger- und Sättigungszentrums sondern ein eklatantes Missverhältnis zwischen Energiezufuhr und -verbrauch. Insofern können die medikamentösen Therapieansätze niemals wirklich zu einer sinnvollen Gewichtsreduktion beitragen.
Solange der adipöse Patient nicht lernt seine Essgewohnheiten und seine körperliche Aktivität zu ändern wird eine effektive Gewichtsreduktion nicht erreicht. Diese Therapieform ist allerdings sehr zeitaufwändig und sicherlich mit häufigen Rückfällen verbunden. Insofern passt sie nicht in das 3-Minuten-Beratungskonzept der meisten Hausärzte.

Fazit: Psychopharmaka haben in der Adipositastherapie nichts verloren

Mysimba scheint der erste Türöffner für weitere hochwirksame Psychopharmaka in der begleitenden Adipositastherapie zu sein. Bevor der Markt in naher Zukunft mit weiteren Antiandiposita dieses Wirkungsspektrums überschwemmt wird, die dann ggf. auch noch von den gesetzlichen Krankenkassen verordnet werden können (z.Z. handelt es sich nur um Lifestyle-Medikamente, die der Versicherte selber bezahlen muss [Kosten: 115,92 € für 112 Tabletten]) sollte nach einem wirklichen realistischen Weg aus der Übergewichtsfalle gesucht werden.

Mehwertsteuer für energiedichte Lebensmittel erhöhen

Mögliche Ansätze das immer größer werdende Problem der Adipositas in den Griff zu bekommen, scheint ein gesamtgesellschaftlicher Ansatz. Hierzu müsste die Politik allerdings einige unbequeme und unliebsame Gesetze auf den Weg bringen, die in einer vierjährigen Legislaturperiode niemals zur Beliebtheit beitragen. Insofern sollte ein gesamtgesellschaftlicher Konsens gefunden werden, der von allen politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern favorisiert wird. Es muss so schnell wie möglich eine gestaffelte Mehrwertsteuer auf Lebensmittel eingeführt werden. Jene Lebensmittel, die aufgrund ihre hohen Nährstoffdichte und geringen Energiedichte zur Adipositasverhinderung beitragen sollten mit einer Mehrwertsteuer von 0% gefördert werden. Dies wären Obst, Gemüse. Normale Lebensmittel wie Getreideprodukte, Milchprodukte, Fleisch und Fisch sollten mit 7% besteuert werden. Produkte mit hohem Zucker, Salz oder Fettanteil wie bspw. Fertigprodukte sollten mit 19% besteuert werden und stark zuckerhaltige Softdrinks, Limonaden und sonstige Erfrischungsgetränke sollten mit einem Mehrwertsteuersatz von 29% sanktioniert werden.
Die Mehreinnahmen durch die veränderten Steuersätze müssen alledings direkt in die Prävention der Adipositas und seiner Begleitkrankheiten reinvestiert werden.

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Die Wirkungsansätze vom Mysimba werden im nächsten Blogbeitrag beschrieben.

Quellen:
Blüher, M.  2018. Naltrexon/Bupropion in der Adipositastherapie. Adipositas 2/2018. Schattauerverlag
Smollich, M. 2018. Das neue Abnehmmedikament Mysimba. Unverständlich und gefährlich. EU 5/2018

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